FIONA SIEGENTHALER – Afrikanisches Kulturschaffen in Basel: Über Kontextsensibilität in einer globalisierten Kunstwelt

Kunst spreche eine universale Sprache ─ Kunst sei völkerverbindend und daher etwas Besonderes. Erstaunlich, wie stark dieses modernistische und universalistische Verständnis von Kunst auch in Zeiten überlebt, die schon als ‚post-post-modern‘ bezeichnet worden sind, in denen Pluralismus und Relativität Teil des Alltags sind und sogar Huntington‘s ‚Kampf der Kulturen‘ wieder heraufbeschworen wird. Wenn ‚Kulturen‘ in Konflikt geraten können, wie völkerverbindend kann Kunst als Teil von Kultur dann sein?

Tatsächlich kann Kunst Anlass zu Unruhe, Aufruhr, ja sogar Aufstand sein. Sie eckt oft moralisch an, stellt gesellschaftliche Normen in Frage. Kunstwerke können Menschen ganz persönlich angreifen, wie Berichte über ikonoklastische Reaktionen auf Bilder in Museen und Kirchen zeigen. Ja, Kunst kann sogar Anlass zu Terroranschlägen geben. Trotzdem bleibt der Glaube an Kunst als etwas Bereicherndes und Verständnisförderndes bestehen. Warum sonst sind kulturelle Rahmenprogramme integraler Bestandteil von internationalen Konferenzen? Kulturfestivals unverzichtbarer Teil des europäischen Sommers? Kulturelle Austauschprogramme ein Eckpfeiler der Aussenpolitik zahlreicher Länder?

Kunst – auch solche, die gar nicht ortspezifisch oder Kontext-gebunden sein will – entwickelt sich stets in einem historischen, regionalen und sozio-politischen Zusammenhang, ist von bestimmten Absichten seitens des/der KünstlerIn, aber auch von Unvorhersehbarkeit in der Umsetzung und Rezeption geprägt. Dies gilt vor allem dann, wenn Kunst den öffentlichen Raum betritt und Menschen ansprechen will, die nicht unbedingt professionell mit Kunst zu tun haben. Allein die Charakteristiken von ‚öffentlichem Raum‘ variieren zwischen Chicago und Beijing, Douala und Pjöngjang oder Cape Town und Rom extrem, und mit ihnen die Kunst im öffentlichen Raum.

Dies gilt auch für Basel, wenn nicht nur die aktuellste Forschung, sondern auch kulturelles Schaffen aus und über Afrika ans Rheinknie kommt. Das kulturelle Rahmenprogramm der ECAS ist vielfältig und will neben den lokalen und angereisten Afrika-SpezialistInnen auch die Stadtbevölkerung erreichen ─ Menschen in Basel mit persönlichen Beziehungen zum Kontinent, solche, die ihn bereist haben und solche, die bisher nur beschränkt oder gar nichts mit ‚Afrika‘ zu tun hatten. Es will eine breitere Öffentlichkeit ansprechen. Eine solche Öffentlichkeit wird in der Regel durch öffentliche Institutionen, den frei zugänglichen öffentlichen Raum und die Medien erreicht.

Öffentliche Kulturinstitutionen wie Museen, Ausstellungsräume, Theater oder Jazzclubs zielen mit ihren Aktivitäten, Inhalten und Vermittlungsformen auf ein bestimmtes Publikum. Dieses geht mit einer Erwartung an diese Orte, und diese Erwartung ist meist geprägt von einer Kenntnis oder einem besonderen Interesse an einer Kunstform, den darbietende/n KünstlerInnen oder dem thematischen oder regionalen Kontext ihrer Arbeit. Insofern herrscht eine Art unausgesprochene Übereinkunft: Die KünstlerInnen und ihr Publikum haben ein gemeinsames Interesse, oft sogar ein ähnliches Kunstverständnis. Selbst wenn das Konzert oder die Ausstellung grauenhaft ausfällt, wird dieses Urteil auf der Basis dessen gefällt, was in einem ähnlichen Rahmen früher schon gesehen, gehört oder erlebt worden ist.

Anders verhält es sich im öffentlichen Raum, der nicht ‚gerahmt‘ ist. Künstlerische Interventionen wie Happenings, Performances, Strassenkonzerte oder kreative Interventionen richten sich meist an eine breitere Öffentlichkeit, an Menschen, die den öffentlichen Raum in der Vielfalt seiner Nutzungsmöglichkeiten teilen. Sie befinden sich im öffentlichen Raum, weil sie auf dem Weg zur Arbeit sind, einkaufen, oder andere alltagsrelevante Dinge erledigen – Kunst erwarten sie da in der Regel nicht. Entsprechend können künstlerische oder performative Aktionen bei Menschen Interesse wecken, auf Gleichgültigkeit treffen, oder auch Ablehnung oder Aggression auslösen. Anders als ein Museum oder ein Konzertsaal, wo sich Menschen zu einem bestimmten Zweck, mit einer gewissen Erwartungshaltung für ein konkretes künstlerisches Ereignis einfinden, bieten die Strasse, der öffentliche Platz, einen viel weniger klar definierten Kontext. Ahnungslose Passanten sehen sich mit etwas konfrontiert, das sie weder erwartet haben noch kennen. KünstlerInnen und KuratorInnen solcher Projekte stellt sich deshalb besonders die Frage, wer ihre Performance sehen wird und welche Reaktionen sie auslösen kann. Welche ästhetischen, ethischen, politischen, kulturellen Werte tragen Passanten mit sich, und was passiert, wenn sie unerwartet und unverhofft mit einer öffentlichen Performance konfrontiert werden, die diese Werte herausfordert?

Solche Fragen stellen sich umso mehr, wenn der/die KünstlerIn aus einer fremden ästhetischen Tradition schöpft. Inwiefern kann ein/e Künstlerin hoffen, eine Botschaft zu vermitteln, die von anderen Kontexten als den Baslerischen geprägt ist? Würde das Basler Publikum die Yorùbá-Philosophie verstehen, wenn diese Grundlage einer rituellen Performance auf dem Barfüsserplatz wäre? Wäre es sich der grossen königlichen und spirituellen Tradition des Mutuba-Rindenstoffs bewusst, den ein Ganda Künstler in einer post-modernen Kunstperformance re-interpretiert? Oder würde es sich am Klischee einer ‚afrikanischen‘ Ästhetik ergötzen? Der Zugang zu Werken aus anderen Weltgegenden ist oft leichter, wenn sie auf Tagesaktualitäten anspielen, die weltweit über Nachrichten und Medien vermittelt werden und so Teil eines globalisierten Wissens werden. Wenn eine Performerin auf die StudentInnenproteste oder die Willkür des Staatspräsidenten in Südafrika anspielt, können wir das in Kenntnis internationaler Nachrichten nachvollziehen. Wie sieht das aber bei Themen aus, die zwar für SüdafrikanerInnen alltäglich sind, für uns aber nicht? Zum Beispiel Lieder der Migration in isiXhosa oder isiZulu, deren Melodien und Texte zur Kulturgeschichte der südafrikanischen Mehrheit gehören, die wir aber nicht verstehen? Oder im Alltag übliche, sehr vertrackte und keineswegs offensichtliche Rassismen, die sich in ihrer sozialen und psychologischen Struktur von unserer eigenen Wahrnehmung unterscheiden? Sind wir uns der Radikalität und Kompromisslosigkeit der PerformerInnen bewusst, wenn sie visuelle Strategien oder Handlungen in ihren Stücken vollziehen, die in Addis Ababa, Dakar, oder Lagos eine Verhaftung riskieren, bei uns aber gang und gäbe sind? Was heisst zum Beispiel öffentliche Nacktheit an diesen Orten, und in welchem Verhältnis stehen kulturelle Normen dort zu denjenigen bei uns? Wie beeinflussen sie wiederum unsere Rezeption von kulturellen Produktionen aus ‚Afrika‘? Und welche normativen Vorstellungen bringen wir selber an so eine Performance heran?

Kontext kann Ortsgebundenheit bedeuten, aber auch an Dynamiken des globalisierten Wissens gekoppelt sein, das oft ‚anderes‘ lokalisiertes Wissen aus unserem Erfahrungshorizont verdrängt. Das ist vielleicht das Vertrackteste in der Auseinandersetzung mit Kunst aus anderen kulturellen Zusammenhängen: Vorwissen kann helfen, die Übersetzungsarbeit zu leisten, es kann aber auch Vorurteile und verzerrte Vorstellungen des ‚Anderen‘ perpetuieren. Die Bedeutungsoffenheit, die wir so gerne den postmodernen Kunstwerken zugestehen, liegt nicht im Werk allein, sondern auch in der Vielfalt der möglichen RezipientInnen. Mit der Globalisierung können sich Lesarten eines Werks aus ‚Afrika‘ vereinheitlichen, aber auch diversifizieren aufgrund der verschiedenen De- und Rekontextualisierungen solcher Arbeiten. Kontextfragen sind Fragen nach regional und kulturell geprägten Formen des Allgemeinwissens und der Wahrnehmungsmuster. Sie erfahren so eine besondere Relevanz im öffentlichen Raum; sie bleiben aber auch in Museen oder Konzertsälen, wo ein institutioneller Rahmen und die Erläuterungen von Fachleuten vermittelnd wirken können, weiter bestehen.

Zahlreiche Kunstschaffende sind sich dieser Vorgänge bewusst und nehmen in diesem Prozess des Kontextwechsels auch ortsspezifische Änderungen vor. Einige KünstlerInnen verbringen auch eine längere Zeit an einem neuen Ort, um einen Sinn für diesen zu entwickeln und ihn in ihrem Werk zu berücksichtigen. Einige testen ganz bewusst, ob dieselbe Arbeit andere Reaktionen im Vergleich zu früheren Darbietungen an anderen Orten auslöst. In diesen Fällen wird der öffentliche Raum zum Experimentierfeld, der/die PerformerIn ExperimentleiterIn und Laborratte zugleich.

In ihren Absichten ist Kunst tatsächlich universal – sie hat gesellschaftliche Relevanz; einmal als Vermittlerin, einmal als Provokateurin, die unbequeme Fragen stellt und die Gesellschaft aufrütteln kann. Selten aber tut sie das mit ‚der‘ Gesellschaft als Ganzes. Kontextsensibilität ist daher eine wichtige Voraussetzung zur erfolgreichen Vermittlung afrikanischen Kulturschaffens an ein Basler Publikum. Das Kulturprogramm der ECAS bietet seinem Publikum, aber auch seinen OrganisatorInnen, KuratorInnen und den Kunstschaffenden zahlreiche Möglichkeiten, solche Zusammenhänge zu erkunden und die eigene Position darin zu reflektieren.


Fiona Siegenthaler ist Assistentin und Post-doc Forscherin am Ethnologischen Seminar, Universität Basel